Was ist eigentlich normal?

Neulich bin ich zufällig auf einen Bericht gestolpert: „Was ist normal?“ oder so ähnlich war der betitelt. Und weiter ging es: „…und wie ausgefallen ist noch normal?“ Das fand ich komisch. Woher wollen denn die Autoren das wissen? Woher soll denn irgendjemand wissen, was „normal“ eigentlich ist und wer macht das denn überhaupt fest? Bin ich normal? Du?
Die Medien propagieren den Wunsch nach Individualismus zurzeit wie selten zuvor. Das führt dann zu seltsamen Überlegungen. Wenn die Menschen also anders als ihre Mitmenschen sein wollen, die sich wiederum von denen unterscheiden wollen, sind dann alle wieder normal, weil alle vereint sind in dem Wunsch anders zu sein?

Ganz so einfach ist es dann doch oft auch wieder nicht mit dem Anderssein. Kennt nicht jeder dieses doofe Gefühl, plötzlich von allen angeschaut zu werden wegen irgendeiner Sache, die nicht so ist wie sonst, sondern anders. Nicht normal. Ist es dir nicht auch schon mal passiert, dass du beispielsweise mit einer überdimensionalen IKEA-Lampe Bahn gefahren bist? Oder bist du mal einem Anflug von Übermut im Winter nur im T-Shirt zur Uni gegangen? Oder vielleicht aus irgendeinem Grund in einem plüschigen Eisbärenkostüm steckend durch die Fußgängerzone gelaufen? Da sind dann plötzlich diese Blicke von anderen Passanten. Leute, die sich nach einem umdrehen, leise mit dem Partner tuscheln und ganz unauffällig in dem Glauben, du merktest es nicht, dich anschauen. Die dann peinlich berührt wegschauen, wenn sie merken, dass es doch nicht so unauffällig war. Sicher kann das auch ganz lustig sein, aber nach einer Zeit stört das plötzlich gewaltig, dieses Anderssein. Der Grat zwischen individualistisch-sein-wollen und dazugehören-wollen ist eben ziemlich schmal. Da kann ich mir noch so oft sagen, dass es mir egal ist, was zufällig vorbeikommenden Passanten denken, aber all die plötzliche und subtile Aufmerksamkeit, die einem dann zuteil wird, kann auch wirklich nervig sein. Ob man sich an so etwas je ganz gewöhnt? Denn um Aufmerksamkeit geht es doch keinesfalls.

Was ist schon normal? Ist es normal, Jeans zu tragen? War es vor hundert Jahren nicht. Wird es in hundert Jahren höchstwahrscheinlich nicht mehr sein. Wer bestimmt denn, was normal ist, und was nicht? Wieso ist es in China normal, in der Sonne bloß nicht braun werden zu wollen und hier nicht? Sind dann 1,4 Mrd. Menschen nicht normal oder einfach nur anders normal? Es scheint mir so eine imaginäre Skala zu geben: Auf der einen Seite: Normal. Dann etwas weniger normal. Noch weniger. Und noch weniger. Anders. So in der Art.

„Das macht man einfach so!“, ist ein oft gehörter Satz. Aber niemand kann sagen, warum. Warum geht niemand im Schlafanzug in die Uni? „Das macht man nicht. Das geht nicht. Ein Schlafanzug gehört ins Bett. So ist das halt.“ Da ist ein Wissen vorhanden, implizit und nicht aufgeschrieben, was uns klarmacht, was normal ist. Obwohl wir nicht mal wissen, wo das herkommt.

Da bleibt mir jetzt nur noch eine Frage: War das ein „anderer“ Artikel? Nicht so normal? Oder im Gegenteil total normal? Wer weiß das schon. Ist es wichtig? (flp)

(Dieser Artikel erschien ebenfalls in unserer 3. Ausgabe des Grünsprechts.)

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